Bemerkenswert

Wer bin ich und was hast du davon?

Hallo,
ich bin Danny. Ich sitze nun schon seit einer ganze Weile vor meinem PC und überlege wie ich meinen Blog beginne. Die Idee einen zu schreiben hatte ich schon vor einiger Zeit. Heute ist wieder einer dieser Tage an dem ich mich nicht ganz so gut fühle. Im Laufe meiner Erkrankung hatte ich eine Menge solcher Tage. Zu Beginn war sogar jeder Tag so ein Tag. Und nicht dass es nicht schon genügt hätte einen nicht ganz so guten Tag zu haben, ich verbrachte ihn damit darüber nachzudenken dass ich einen nicht ganz so guten Tag hatte. Irgendwann begriff ich dass ich zwar keinen Einfluss darauf hatte wie mein Tag beginnt, jedoch durchaus darauf wie er endet. Und so beschloss ich den nicht ganz so guten Tagen mit Kreativität zu begegnen und ihnen so einen Sinn zu geben. Aus diesem Grund eignet sich der heutige Tag fantastisch dazu, endlich mit meiner Website zu beginnen. Ich stelle mir vor an einem Blog zu schreiben, der mich in meiner Gesundung begleitet, dem du folgen kannst und der es so vielleicht schafft dir Mut zu machen für deine Situation. Ich stelle mir außerdem vor die Website mit Aufklärung zu füllen. Aufklärung über die Erkrankung, Wege hinaus und anderen wichtigen Informationen. Im Großen und Ganzen möchte ich so eine Website erstellen wie ich sie gern gefunden hätte als es mir ganz schlecht ging.

Zu Beginn diesen Jahres erkrankte ich schwer. Anfangs war mir nicht klar was nicht mit mir stimmte. Es war als würde ich versuchen ein Auto zu starten dass einfach keinen Sprit mehr hatte und deshalb nur noch jämmerlich röhrte. Ich wurde eine Woche krank geschrieben, aber mein Zustand besserte sich nicht, so dass ich weitere zwei Wochen krank geschrieben wurde. Aber auch danach wurde es nicht besser so dass ich wieder zum Arzt ging, der mich weiter krank schrieb. Ich hatte das Gefühl dass an meinem gesamten Körper Gewichte hängen, die es mir unmöglich machten das Bett zu verlassen und mir obendrein Schmerzen bescherten. Sogar die Finger konnte ich nur noch schwer krümmen. Essen, atmen, all die Dinge die alltäglich waren, wurden zur Qual. Einige Male versuchte ich es mit meinem altbekannten Motto: Arschbacken zusammenkneifen und weiter machen, doch das ging nach hinten los. Als Folge dessen verschlimmerte sich mein Zustand noch mehr, so dass ich begann Medikamente zu nehmen, wogegen ich mich bis dahin gewehrt hatte. Es hat Monate gebraucht bis ich den Ärzten glaubte dass ich unter einer schweren Depression litt. Ich hatte immer gedacht Depressionen seien etwas was man beeinflussen, weglächeln könnte. Ich hatte immer geglaubt dass derjenige der Depressionen hat einfach nur aufstehen und sich zusammenreißen müsste und eine vernünftige Aufgabe braucht. Ich hatte auch gedacht dass so etwas so einer Powerfrau wie mir niemals passieren könnte. Schließlich hatte ich es mühselig geschafft mich aus einer gewaltbesetzten Ehe zu befreien, habe die Schulden daraus allein auf mich nehmen müssen, habe das Mobbing der Gesellschaft beeinflusst durch meinen Ex-Mann ertragen, habe es ertragen dass er unseren Sohn psychisch misshandelte und mir die Hilfe dagegen verwehrt blieb. Ich ertrug es dass sich mein Bruder das Leben nahm, ich ewig mit der Angst um meine kranke Mutter lebte und arbeitete obendrein in einem Call Center für Kundenbeschwerden indem sich im Laufe der Jahre der Umstand einschlich neben der Beschwerdebearbeitung immer mehr in immer kürzerer Zeit verkaufen zu müssen. Ich ertrug es, täglich dafür gescholten zu werden dass es mir nicht mehr gelang den immer enger werdenden Vorgaben des Unternehmens gerecht zu werden. Und ich ertrug die damit verbundene Unkollegialität. Und zuletzt ertrug ich es, von der Familie meines neuen Partners ausgeschlossen zu werden. Von daher konnte ich doch gar nicht an einer Depression leiden. Denn ich ertrug das doch alles.

Meine Seele schrie. Sie schrie und ich hörte ihr nicht zu. Schon viele Jahre. Ich hatte gelernt mich zu ignorieren. Viele für mich wichtige Personen brachten mir bei dass man in dieser Gesellschaft nur existieren kann, wenn man wider seiner Gefühle und wider seiner Überzeugungen handelt. Anpassung. Augen zu und durch. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen und wenn die Arbeit so viel wurde dass keine Zeit mehr für Vergnügen blieb, dann war das halt so. Und nun lag ich da. Mit dem Ergebnis dieser Denkweise. Allein. Sie waren weg. All die Menschen, die so großes zu sagen hatten, waren einfach verschwunden. Es begann eine schwere Zeit. Zeit zum Umdenken und zum neu lernen. Ich überdachte mein Leben, mein Umfeld meine Beziehungen. Zu anderen und zu mir und irgendwann war klar, dass meine kläglich gescheiterten Versuche aus der Krankheit heraus wieder in das alte Leben zurück zu kehren gar nicht hätten funktionieren können, denn ich handelte schon lange aus der Überzeugung anderer heraus. Mir wurde klar dass ich tief im Inneren nicht in dieses Leben zurückkehren wollte.

Vielleicht kommt dir einiges bekannt vor? Vielleicht hast du auch schon einige Antworten auf deine Fragen gefunden oder suchst sie noch? Ich würde mich sehr freuen wenn du mich eine Weile begleitest. Vielleicht findest du etwas auf meinen Seiten was dir weiterhilft. Bei einem kannst du dir in jedem Fall sicher sein. Auch wenn es sich so anfühlt, du bist nicht allein.

 

Und am Ende wird eh alles gut. Denn wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende. (Oskar Wilde)

 

Umdenken

Gestern rief mich meine Chefin an. Das war abgesprochen und in Ordnung so. Ich arbeite seit 18 Jahren in einem Call Center. Anfangs war ich nur zur Beratung eingestellt, aber im Laufe der Jahre wandelte sich der Job immer mehr. Zahlen musste man schon immer schaffen. Gesprächszeiten, Pausen, Anzahl der Gespräche, Nachbearbeitungszeit. Mit der Zeit kam aber heimlich hier und da ein Wert dazu, so dass man heute mit so vielen Bällen jonglieren muss, dass einer mindestens hinunter fällt. Verkaufszahlen unterschiedlicher Verträge, Anzahl der verschickten Videos, straffere Gesprächszeiten usw. Zudem blieb natürlich meine Ursprungstätigkeit. Man kann eine Schraube nur bis zu einem bestimmten Punkt drehen, dann bricht sie. Oder kurz: Nach fest kommt ab. Auch die Gesundheitsquote ist eine aus Zahlen bestehende Instanz, genau wie jeder einzelne Mitarbeiter nur eine Zahl ist. Und wenn man krank wird, ist das schlecht für die Zahlen. Ergo wird Druck ausgeübt, zu Hause angerufen, mit SMSen bombardiert oder sogar scheinheilige Krankenbesuche durchgeführt wenn es mal länger dauert. Nicht selten kam es vor dass Vorgesetzte gemeinsam mit einem Blumenstrauß vor der Wohnung von Kollegen standen um auszuspitzeln ob diese denn wirklich krank sind, denn grundsätzlich wird einem erst einmal blau machen unterstellt. Alles in Allem hat die Arbeit einen ordentlichen Beitrag zu meinem Zustand geleistet. Oder war ich es? Nebenbei fand ich gestern ein paar alte Tagebucheinträge in denen ich beschrieb wie eine Kollegin Streit mit mir wegen einer Nichtigkeit anfing, ich mich jedoch zur Wehr setzte. Sie stellte daraufhin fest, dass es sie gewundert hatte dass ich mich wehren würde. Denn das täte ich ja sonst nie. Ich hatte diesen Streit schon völlig vergessen, mich aber gestern daran erinnert. Man kann jetzt von ihr halten was man will, aber sie hat recht. Ich habe mich nie gewehrt. Ich habe auch nie Konsequenzen walten lassen. Nein, ich bin 18 Jahre in dieser Haltung geblieben. Als wäre ich ein Baum. Hat die Firma Schuld an meinem Zustand? Sicher, wenn die Arbeit anders wäre, würde es mir besser gehen. Aber das ist sie nicht. Und was habe ich getan? Gelitten und darauf gewartet dass sich von allein etwas ändert.

Die reinste Form des Wahnsinn ist es, alles beim Alten zu lassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert…. Albert Einstein

Zu Beginn meiner Erkrankung habe ich meinen Zustand so oft verflucht. Ich war so gefangen in meinem Denkmuster. Es war mir in Fleisch und Blut übergegangen nicht krank werden zu dürfen und funktionieren zu müssen. Ich konnte mich und meine Schwäche nicht ertragen. Leichtigkeit und fröhlich sein hatte ich schon sehr lange vorher aufgegeben. Inzwischen sehe ich meinen Burnout als Chance. Ich denke, es musste sein. Ich brauchte einen Holzhammer, denn von allein habe ich es ja nicht verstanden. Ich habe die Chance zum umdenken, die Chance noch einmal neu zu beginnen. Zu Beginn machte es mir Angst, denn man kann sich an Altes auch einfach gewöhnen, auch wenn es schlecht ist. Inzwischen habe ich immer noch Angst, aber ich werde immer neugieriger und wage mich Schritt für Schritt vorwärts in ein neues Leben.

Als ich gestern mit meiner Chefin telefonierte hörte ich sie von Wiedereingliederung sprechen. Ich hörte auch wie sie darüber sprach dass ich noch mal komplett neu angelernt werden müsste, weil sich in der Zwischenzeit so viel verändert hätte. Ich hörte mich, wie ich das was sie sagte bestätigte, nickte hörbar mit dem Kopf. Gefühlt hatte ich jedoch etwas anderes. Es war weit weg. In meiner Vorstellung nicht greifbar dass ich das wieder würde arbeiten können und wollen. Dieser Teil des Lebens scheint abgeschlossen. Es gehörte einmal zu mir, aber die Person bin ich nicht mehr. Die, die nichts sagte, sich hat alles gefallen lassen. Die, die sich nicht selbst vertraute und dadurch anderen das Recht dazu gab über sie Urteile zu fällen. Die bin ich nicht mehr. Und die will ich auch nicht mehr sein. Ich habe etwas ganz wichtiges gefunden, was ich schon lange verloren hatte. Mich.

 

 

Hinnahme und Akzeptanz

Mein Arzt sagt immer dass der Verlauf einer Depression wellenförmig ist. Es geht bergauf, aber auch immer wieder ein Stück bergab. Und genauso ist es. Genug getrunken, gesund gegessen, ausreichend geschlafen. Und trotzdem trifft es mich bereits nach dem wach werden wie ein Schlag. Druck im Kopf, Kribbeln bis hin zur Taubheit in den Gliedmaßen, beeinträchtigtes Sehen, elendige Körperschwere. Dazu kommt eine emotionale Stimmung die mich an allem zweifeln lässt was ich mir in den vergangenen Monaten mühselig aufgebaut habe. Tröstend ist allerdings das Wissen darum, dass dieser Zustand nicht anhält und es lange nicht mehr so tief nach unten geht wie am Anfang. Meistens lässt es nach einigen Stunden bis Tagen wieder nach. Es hilft mir mich zu schminken und mir die Haare zu einer hübschen Frisur zusammen zu binden. Ich habe festgestellt dass es mich aufbaut in ein frisches, farbiges Gesicht zu schauen wenn ich an einem Spiegel vorbeikomme. Es überrascht mich dann jedes Mal dass das Elend das ich fühle nicht mit dem hübschen Gesicht übereinstimmt was ich sehe. Das gibt Pluspunkte in der Genesungsskala. Gestern hatte ich seit langem einen ganz schlimmen Tag. Mit den körperlichen Beschwerden habe ich fast täglich zu tun, aber emotionell hatte es deutlich nachgelassen. Von Minute zu Minute wurde es schlimmer und ich merkte das nichts half. Ich hätte aus dem Stand losheulen können. War es erklärbar? Klar, irgendeinen Grund findet man immer. Ich entschloss mich dazu meinen Zustand als gegeben hin zu nehmen und es zu akzeptieren. Es fällt mir leichter wenn ich von außen drauf schaue und die Symptome somit als Teil der Erkrankung wahr nehme, anstatt mich dem völlig hinzugeben. Ich kann es zwar nicht kontrollieren, habe aber damit das Gefühl der Krankheit auf die Schliche zu kommen. So nach dem Motto: „Ach guck, da seid ihr ja wieder, ihr Symptome. Schon klar, ich ruh mich aus und ihr lasst mich dafür morgen wieder in Ruhe. Check?“

Mein Freund ermunterte mich am Abend zum Chor zu gehen. Das hatte ich mir ja vorgenommen. Einen regelmäßigen Termin in der Woche einhalten. Und ich tat es. Wider meiner Empfindungen. Ich verließ beschwerlich das Haus und ging für zwei Stunden zum singen. Hat es mir geholfen? Nun ja, es hat es zumindest nicht verschlechtert. Häufig hatte ich auch schon die Erfahrung gemacht dass es mir hilft ein wenig mit dem Fahrrad zu fahren. Nach ungefähr einer halben Stunde weicht die Anspannung die meinen Körper und meinen Geist gefangen hält einer ausgeglichenen Zufriedenheit. Ich bin dann zwar für den Rest des Tages erschlagen, aber zumindest zufrieden dabei. Und tatsächlich geht es mir heute besser als gestern. Ich habe die Nacht gut geschlafen und sogar die lauten Baustellengeräusche von draußen stören mich nicht allzu stark. Genauso wenig wie ich mir Verschlechterungen erklären kann, kann ich mir Verbesserungen erklären. Manchmal muss man Dinge wohl einfach so hinnehmen und akzeptieren.

Die Stimme

Seit fünf Wochen gehe ich wieder regelmäßig zum Chor. Singen fand ich schon immer befreiend, nur in der akuten Erkrankung konnte ich noch nicht einmal daran teilnehmen. Nun wird es von mal zu Mal besser. Die Stimme wird kräftiger, ich kann mich wieder besser bewegen und auch konzentrieren. Nur Auftritte und Soli habe ich für den Moment noch abgelehnt, da ich das als zu stressig in Erinnerung hatte. Nun stand am vergangenen Freitag ein Konzert vor der Tür. Recht spät am Abend. Eine Zeit zu der ich schon, vom Tag erschlagen, im Bett liege. Zur Generalprobe, welche im
Rahmen der normalen Chorprobe stattfand, war ich anwesend. Es hat Spaß gemacht und ich merkte wie ich mir die Option eventuell doch zum Konzert zu erscheinen, offen hielt. Nun war es Freitag und ich hatte so Lust darauf. Aber auch mächtige Angst davor. Was ist wenn mich meine Kräfte wieder verlassen und mein Kreislauf spinnt, so wie es bei meinem letzten Auftritt zu Weihnachten einen Monat bevor ich endgültig krank wurde, geschehen ist? Ich entschied mich dazu, mich zumindest erst einmal Auftrittsfein zu machen und zur Vorbereitung zu gehen. Die Freude der anderen Chormitglieder war deutlich, doch ich wies darauf hin dass ich das Konzert eventuell nicht ganz durchstehen würde. Kein Problem, ich solle mir einen Stuhl für den Notfall bereitstellen und jederzeit die Bühne verlassen wenn es gar nicht mehr gehen sollte. Mit dem Arrangement war ich einverstanden und so legten wir los. Bei den ersten Liedern bewegte ich mich vorsichtig, wollte mit meinen Kräften haushalten. Aber je mehr das Konzert voranschritt desto mehr Mut bekam ich, so dass ich am Ende genauso agil mitmachte wie alle anderen. Ein wenig wehmütig dachte ich an vorherige Konzerte und daran dass das Solosingen ja doch ganz schön war. Vielleicht würde ich es mir ja doch irgendwann wieder zutrauen. Zur Zugabe stimmte unser Chorleiter den Klassiker „Oh happy Day“ an. Ganz lange hatten wir die Strophen den Sopran singen lassen, später übernahm ich diese als Solo. Weil klar war, dass ich nicht singen würde, begann der Sopran. Jedoch hatte es kurz zuvor Veränderungen in dieser Stimme gegeben, so dass es nicht richtig klappte. Unser Chorleiter brach ab, zeigte auf mich und dann auf das Mikrofon neben ihm. Alle Augen waren auf mich gerichtet. In meinem Unterbewusstsein war nach wie vor abgespeichert dass die Show weitergehen muss, egal wie. So dachte ich nicht darüber nach, nahm mir das Mikrofon mit dem kurzen Hinweis dass wir so nicht gewettet hatten und legte los. Ungeübt, teils noch aus der Erinnerung, teils improvisiert. So gut es ging, und es ging überraschend gut, machte ich meine Show, animierte das Publikum zum mitmachen und genoss am Ende tosenden Beifall. Ich fühlte mich gut. Gesund. Als wäre nie etwas gewesen. Auch das von mir erwartete Tief am nächsten Tag blieb aus. Es ging mir gut. Keinerlei Schwäche oder andere körperliche Befindlichkeiten. Sogar das Schlafen klappte einigermaßen, trotzdem ich so aufgedreht war. Was war es was mich so aufgebaut hatte? Der Beifall? Ich dachte darüber nach. Ja, der Beifall und natürlich die Tatsache dass sich die anderen so über meine Anwesenheit freuten gaben mir das Gefühl in liebevoller Gesellschaft zu sein und gemocht zu werden. Eine ganz wichtige Erfahrung die zur Gesundung zuträglich ist, habe ich in der Vergangenheit doch so viel Ablehnung erleben müssen. Aber da war noch etwas. Meine Stimme. Durch das Mikrofon deutlich verstärkt. Da stand ich nun und hatte eine Stimme. Laut. Kraftvoll. Und man hörte mir zu. Ich hatte der Welt etwas zu sagen und sang es hinaus und wurde gehört. Diese paar Minuten gehörten mir. Ich konnte frei entscheiden wie ich meine Stimme zum Einsatz brachte und sie war lauter als alles andere und wurde gehört.

Wenn es eine so positive Wirkung hat gehört zu werden, was für eine negative Wirkung hat es nicht gehört zu werden? Mir wurde bewusst dass die Tatsache dass mir so oft nicht zugehört wurde, obwohl ich so viel zu sagen hatte, doch schwerer gewogen hatte als ich es annahm. Ich war zu leise. Zu nett. Bin zu schnell eingeknickt. Fühlte mich so oft klein und dachte dass die anderen Recht hätten. Was wäre gewesen wenn ich im übertragenen Sinne ein Mikrofon benutzt hätte? Ich hätte meine Ansichten und meine Meinung mit lauter, fester Stimme herausgerufen. So dass man mir hätte zuhören müssen. Vielleicht. Doch das tat ich nicht. Ich blieb stumm und dachte nach. Und ich begann zu glauben was mir andere über mich erzählten. Zuerst hörte ich es, dann sagte ich es leise in mich hinein. Was für ein schlechter Mensch ich wäre. Was für eine schlechte Ehefrau und Mutter ich war und bin. Was für eine schlechte Tochter, schlechte Kollegin, schlechte Freundin. Ich rief ich es laut in mich hinein und wurde gehört. Von mir.

Es ist erwiesen dass einem die eigene Stimme am vertrautesten ist. So dass wir am ehesten glauben was wir selber zu uns sagen. Wenn wir denken, hören wir unsere eigene Stimme und glauben ihr. Wenn wir also andere Menschen schlechte Dinge über uns sagen hören und sie wiederholen, dann glauben wir sie.

Mir wurde bewusst dass jeder eine Stimme hat. Nicht nur mein Ex-Mann, falsche Freunde, meine Chefin oder meine Eltern. Auch ich habe eine Stimme. Und sie wurde zur Waffe gegen mich selbst. Was ein anderer mit seiner Stimme macht, kann ich nicht beeinflussen. Dafür aber, was ich mit meiner Stimme daraus mache.

 

Freunde und so…

Gestern habe ich einer Bekannten eine Whats App geschrieben. Sie antwortete mir. Es war schon spät, aber ich war noch wach. Ich frage sie ab und zu wie es ihr geht. Wir sind nicht fest befreundet, kennen uns aus dem Gospelchor in dem wir zusammen gesungen haben. Ab und an hatten wir uns auch außerhalb der Montagabend Aktivität getroffen, aber so richtig fest ist unsere Freundschaft nie geworden. Ich glaube wir beide sind uns zu ähnlich. Wir singen die gleiche Stimmlage, haben in unserer Vergangenheit beide Kampfsport betrieben und sind Frauen die man in der Regel nicht übersieht. Immer vorne weg, immer an der Front. Wir beide waren die führenden Stimmen in unserer Stimmlage und sangen einmal sogar gemeinsam ein Duett. Die Stimmen in diesem Stück waren gleichwertig verteilt, anders hätte das auch nicht funktioniert. Worin wir uns noch ähnlich sind, ist die Tatsache dass ihr Bruder sich vor einigen Jahren das Leben nehmen wollte. Aber er wurde gefunden, bevor es zum Äußersten kam. Zwei Wochen danach versuchte es mein Bruder ebenfalls. Er schaffte es jedoch. Im Januar diesen Jahres gab es den Tag X in meinem Leben. Der Tag ab dem meine Batterien so leer waren, dass nichts mehr ging und eine Game Over Zeit begann die monatelang anhalten sollte. Einige Wochen nach meinem Tag X hatte die besagte Bekannte mit einem Mal ihren eigenen und befindet sich seitdem ebenfalls auf der Game Over Autobahn. Sie erhielt die Gleiche Diagnose wie ich. Das Einzige was uns unterscheidet ist die Dosis der Psychopharmaka die wir nehmen. Während ich die geringste Dosis zum Abend schlucke um meinen Schlaf zu unterstützen, bekommt sie den Overkill der sie ins Koma versetzt am Abend und am Morgen eine noch höhere Dosis um sich einigermaßen durch den Tag zu schleppen. Sie ist die Einzige bei dir ich mich in unregelmäßigen Abständen melde, da es mich tatsächlich interessiert wie ihre Genesung verläuft. Zum einen weil ich selber betroffen bin und weiß was sie aushalten muss, zum anderen weil ich mich dadurch nicht mehr fühle wie ein Unikum.

Nachdem ich nicht mehr war wie ich vorher war, zeigten sich die Charaktere der Menschen die mich umgaben. Es folgte eine endlose Reihe an Überraschungen. Angefangen mit der Chefin die mich anrief und diesen bestimmten Ton anschlug an welchem ich hören konnte dass sie im Grunde gar nicht an meiner Krankheit interessiert war, sondern daran wann ich endlich aufhöre zu heulen und wieder arbeiten komme. Weiter mit den Kollegen die neugierig Frage um Frage stellten, dabei jedoch vergaßen dem Gegenüber (mir) zu vermitteln dass man tatsächlich an der Genesung interessiert war. Besonders viel Aufmerksamkeit bekam ich wenn ich mich aus betrieblichen Whats App Gruppen zurückzog. „Süße, du bist ja aus der Gruppe raus gegangen. Warum das denn?“ fragte eine Kollegin hinterrücks, nachdem ich es nicht mehr ertrug das morgendliche Battle der Kollegen die gerade mit einem Infekt zu Hause waren lesen zu müssen. Ich hatte es satt davon zu lesen wer das höchste Fieber hatte, aber am schnellsten wieder zur Arbeit kommen würde. Ich konnte mich in den Wettbewerb der Genesung einfach nicht einreihen, da ich zu diesem Zeitpunkt schon einige Wochen krank war. Und die Kollegin die mir daraufhin schrieb, hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt einen Dreck um mein Fehlen geschert. Ich wusste dass sie dort, inmitten der anderen saß und nur auf meine Antwort wartete, damit es gemeinsam auseinandergepflückt werden kann. Entsprechend platzte mir der Kragen. Ich schrieb ihr ehrlicherweise was ich von Heuchelei halte und bat um Nachsicht. Offensichtlich geschockt versicherte sie mir dass ich mich irren würde und versicherte mir ehrliches Interesse. Sie fragte ob sie denn regelmäßig nachfragen dürfe wie es mir ginge, was ich neugierig bejahte. Sie schaffte es tatsächlich mich noch zwei mal zu fragen. Das Gute an so einem Kollegium ist, dass man nach einer Weile uninteressant wird und so ist es inzwischen als hätte ich nie existiert, obwohl ich achtzehn Jahre dort gearbeitet habe. Schlimmer waren jedoch die Reaktionen der Menschen die ich für meine Freunde gehalten habe. „Verstehe ich nicht, warum das jetzt so ist. Ist doch alles in Ordnung jetzt.“ oder „Bist du immer noch nicht gesund? Mein Exmann hatte die Grippe und ist inzwischen wieder fit.“ Diese beiden Kommentare von ein und derselben Person. Ihre ganze Körpersprache zeigte mir wie abartig sie meinen Zustand fand und wie sehr sie mich missachtete. Ich habe mich als es mir besser ging von ihr getrennt. Eine weitere Freundin schickte mir stets und ständig Fotos von den Orten die sie gerade bereiste. Ihre Freundin in einer anderen Stadt, Konzerte, ja Urlaub auf Malle. Während ich im Bett lag und sie bekundete mich nicht besuchen zu können, weil sie gerade kein Auto hat. Wohlbemerkt, wir wohnen beide in der selben Stadt. Ich warf es ihr vor. Ja, ich nahm es ihr übel dass sie den Weg zu mir nicht fand mit der Ausrede sie hätte kein Auto, aber offensichtlich die halbe Welt bereisen konnte. Sie schrieb mir dass sie einfach nicht mit meiner Erkrankung umgehen könnte, da ich doch immer die Starke war. Auch von ihr habe ich mich getrennt. Hier und da gab es Verbindungen die sich von selbst erledigten, da diese Personen es vorzogen nicht mehr auf meine Nachrichten zu antworten wenn ich ehrlichweise erzählte wie es mir ging und aus diesem Grund gerade keine Hilfe für anderer Menschen Probleme sein konnte. Ja, ich war die Aussätzige, die die man nicht sehen wollte, die man verstecken wollte. Die, deren Zustand bei anderen Angst oder Unverständnis hervorrief. Diejenige die man verbannen wollte als hätte sie eine tödlich ansteckende Krankheit. Der Schandfleck der Gesellschaft. Schon wieder.

Jetzt, mit Abstand, muss ich jedoch feststellen dass alles richtig war, so wie es war. Zu viele falsche Fünfziger hatten sich in meinem Leben getummelt. Ich habe außerdem eine Menge über mich gelernt. Wer war ich? Jemand der leichtfertig seine Hilfe anbot und dadurch an Menschen geriet die das nur allzu gern ausnutzten? Jemand der darüber seine eigenen Talente und die wichtigen Menschen vernachlässigte? Jemand der das tat um sich nicht um sich selber kümmern zu müssen? Ich danke meiner Erkrankung, denn durch sie hatte und habe ich die Möglichkeit Platz zu schaffen. Platz für Kreativität, für neue Träume. Platz für Selbstpflege und Platz für die Menschen die liebevoll an meiner Seite geblieben sind. Auch jetzt, wo es mir deutlich besser geht, mache ich kein Geheimnis um meine Krankheit. So kann ich schon deutlich mehr Spreu vom Weizen trennen, bevor ich meine wertvolle Lebenszeit mit weniger wertvollen Menschen verschwende.

Harry Potter und die Dementoren

Gedankenkreise. Die Gedanken hörten nicht auf sich zu drehen. Ein Karussell und es hielt nicht an. Mein Kopf machte es ihm nach und bescherte mir Drehschwindel und Migräneattacken. Ich bekam ein Medikament, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Es machte mich benommen und ließ mich einschlafen. Aber die Gedanken kreisten in meiner Traumwelt weiter. Gedankenkreise. Eines der Symptome die ich nicht erkannte. Vier Monate hatte ich gebraucht um zu verstehen dass ich selbst den Grund für meine Erschöpfung liefere. Ich wollte ausbrechen. Raus aus den Gedankenkreisen also nahm ich mir eins der Jugendbücher meines Sohnes und begann zu lesen. Es erschien mir nur logisch dass ich aus meiner eigenen Welt ausbrechen konnte, indem ich in eine andere eintauchte. Doch das Buch nachdem ich zuerst gegriffen hatten, reichte nicht aus. Es war mir zu sehr an die Realität angelehnt, so dass mein Freund mir seine Harry Potter Sammlung mitbrachte. Vom ersten Kapitel an gelang es mir mich darauf einzulassen. Was für eine wunderbare magische Welt. Weit weg von meinen Problemen. Ich lebte einige Wochen nur in den Büchern. Mein Freund legte sich neben mich und las sie ebenfalls. Wir unterhielten uns über Dumbledore und darüber was doch Professor Snape für ein hinterlistiger Typ ist. So verdrängte ich meine Sorgen. Ich konnte besser einschlafen und wurde etwas kräftiger. Wenigstens soviel dass ich aufstehen und mich auf den Balkon setzen konnte. In Band Drei der Harry Potter Reihe haben die Dementoren zum ersten Mal ihren Auftritt. Dementoren sind dunkle Wesen in schwarzen Umhängen. Sie haben kein normales Gesicht, sondern schorfige Augen und einen riesigen Schlund durch den sie demjenigen der einen Kuss von ihnen erhält die Seele aus dem Leib saugen. Dieses verstecken sie jedoch hinter einer schwarzen Kapuze. Dementoren entstehen aus dem Nichts und finden ihren Nährboden in Trauer und Angst. Je mehr davon vorhanden ist, desto mehr Dementoren entstehen. Überall wo sie auftauchen, ihr rasselnder Atem zu hören und ihre schwebende Gestalt zu sehen ist, wird es dunkel und kalt. Wer sich in ihrer Nähe befindet, hat das Gefühl dass alles Glück aus ihm heraus gezogen und er nie wieder fröhlich sein wird. Harry Potter fällt in ihrer Anwesenheit regelmäßig in Ohnmacht, was bei den Mitschülern aus Slytherin für Spott sorgt, weshalb er versucht einen wirksamen Zauber gegen die Dementoren zu finden. Dabei trifft er auf Professor Lupin, der ihm beibringt einen Patronus herauf zu beschwören. Ein Patronus ist ein Lichtwesen, was nur entsteht wenn derjenige der ihn heraufbeschwören will an das denkt was ihm im Leben am meisten Freude bereitet. Wenn ihm das gelingt, schießt er durch seinen Zauberstab und vertreibt die Dementoren. Schon beim lesen war ich beeindruckt und verglich die Dementoren sofort mit meiner Depression. Dieses kalte Gefühl der Leere. Die Gedanken dass man nie wieder glücklich werden würde. Auch Harry litt unter Gedankenkreisen die ihn wahnsinnig machten wenn Dementoren in der Nähe waren. Immer wieder hörte er die letzten verzweifelten Worte seiner Mutter bevor sie getötet wurde. Ich begann selber zu schreiben. Ich begann mir eine eigene Geschichte auszudenken und schreibe daran. Und ich begann einen Briefwechsel mit mir. In einem Tagebuch schrieb und schreibe ich über meine Empfindungen und bin mir selbst mein bester Freund in dem ich mir das antworte was ich gern von anderen gehört hätte. Im Schreiben habe ich meinen Patronus gefunden.

Nun erhielt ich ein Buch was ich mir in dieser Zeit bestellt hatte. Es hatte eine lange Lieferzeit, so dass ich schon nicht mehr daran dachte. Es ist ein Harry Potter Lexikon mit Erklärungen zu den verschiedenen Figuren. Darin las ich nun dass die Autorin selber in einer tiefen Depression festsaß. Mit den Dementoren personifizierte sie diese und brachte mit der Idee des Patronus eine Lösung mit. Im Buch macht sie darüber hinaus außerdem klar, dass jeder seinen eigenen Patronus finden muss. So hat dort auch jeder seinen eigenen Patronus, welche sich zwar äußerlich unterscheiden, aber die gleiche Wirkung auf die Dementoren haben. Danke J.K. Rowling für dieses fantastische Meisterwerk.