Freunde und so…

Gestern habe ich einer Bekannten eine Whats App geschrieben. Sie antwortete mir. Es war schon spät, aber ich war noch wach. Ich frage sie ab und zu wie es ihr geht. Wir sind nicht fest befreundet, kennen uns aus dem Gospelchor in dem wir zusammen gesungen haben. Ab und an hatten wir uns auch außerhalb der Montagabend Aktivität getroffen, aber so richtig fest ist unsere Freundschaft nie geworden. Ich glaube wir beide sind uns zu ähnlich. Wir singen die gleiche Stimmlage, haben in unserer Vergangenheit beide Kampfsport betrieben und sind Frauen die man in der Regel nicht übersieht. Immer vorne weg, immer an der Front. Wir beide waren die führenden Stimmen in unserer Stimmlage und sangen einmal sogar gemeinsam ein Duett. Die Stimmen in diesem Stück waren gleichwertig verteilt, anders hätte das auch nicht funktioniert. Worin wir uns noch ähnlich sind, ist die Tatsache dass ihr Bruder sich vor einigen Jahren das Leben nehmen wollte. Aber er wurde gefunden, bevor es zum Äußersten kam. Zwei Wochen danach versuchte es mein Bruder ebenfalls. Er schaffte es jedoch. Im Januar diesen Jahres gab es den Tag X in meinem Leben. Der Tag ab dem meine Batterien so leer waren, dass nichts mehr ging und eine Game Over Zeit begann die monatelang anhalten sollte. Einige Wochen nach meinem Tag X hatte die besagte Bekannte mit einem Mal ihren eigenen und befindet sich seitdem ebenfalls auf der Game Over Autobahn. Sie erhielt die Gleiche Diagnose wie ich. Das Einzige was uns unterscheidet ist die Dosis der Psychopharmaka die wir nehmen. Während ich die geringste Dosis zum Abend schlucke um meinen Schlaf zu unterstützen, bekommt sie den Overkill der sie ins Koma versetzt am Abend und am Morgen eine noch höhere Dosis um sich einigermaßen durch den Tag zu schleppen. Sie ist die Einzige bei dir ich mich in unregelmäßigen Abständen melde, da es mich tatsächlich interessiert wie ihre Genesung verläuft. Zum einen weil ich selber betroffen bin und weiß was sie aushalten muss, zum anderen weil ich mich dadurch nicht mehr fühle wie ein Unikum.

Nachdem ich nicht mehr war wie ich vorher war, zeigten sich die Charaktere der Menschen die mich umgaben. Es folgte eine endlose Reihe an Überraschungen. Angefangen mit der Chefin die mich anrief und diesen bestimmten Ton anschlug an welchem ich hören konnte dass sie im Grunde gar nicht an meiner Krankheit interessiert war, sondern daran wann ich endlich aufhöre zu heulen und wieder arbeiten komme. Weiter mit den Kollegen die neugierig Frage um Frage stellten, dabei jedoch vergaßen dem Gegenüber (mir) zu vermitteln dass man tatsächlich an der Genesung interessiert war. Besonders viel Aufmerksamkeit bekam ich wenn ich mich aus betrieblichen Whats App Gruppen zurückzog. „Süße, du bist ja aus der Gruppe raus gegangen. Warum das denn?“ fragte eine Kollegin hinterrücks, nachdem ich es nicht mehr ertrug das morgendliche Battle der Kollegen die gerade mit einem Infekt zu Hause waren lesen zu müssen. Ich hatte es satt davon zu lesen wer das höchste Fieber hatte, aber am schnellsten wieder zur Arbeit kommen würde. Ich konnte mich in den Wettbewerb der Genesung einfach nicht einreihen, da ich zu diesem Zeitpunkt schon einige Wochen krank war. Und die Kollegin die mir daraufhin schrieb, hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt einen Dreck um mein Fehlen geschert. Ich wusste dass sie dort, inmitten der anderen saß und nur auf meine Antwort wartete, damit es gemeinsam auseinandergepflückt werden kann. Entsprechend platzte mir der Kragen. Ich schrieb ihr ehrlicherweise was ich von Heuchelei halte und bat um Nachsicht. Offensichtlich geschockt versicherte sie mir dass ich mich irren würde und versicherte mir ehrliches Interesse. Sie fragte ob sie denn regelmäßig nachfragen dürfe wie es mir ginge, was ich neugierig bejahte. Sie schaffte es tatsächlich mich noch zwei mal zu fragen. Das Gute an so einem Kollegium ist, dass man nach einer Weile uninteressant wird und so ist es inzwischen als hätte ich nie existiert, obwohl ich achtzehn Jahre dort gearbeitet habe. Schlimmer waren jedoch die Reaktionen der Menschen die ich für meine Freunde gehalten habe. „Verstehe ich nicht, warum das jetzt so ist. Ist doch alles in Ordnung jetzt.“ oder „Bist du immer noch nicht gesund? Mein Exmann hatte die Grippe und ist inzwischen wieder fit.“ Diese beiden Kommentare von ein und derselben Person. Ihre ganze Körpersprache zeigte mir wie abartig sie meinen Zustand fand und wie sehr sie mich missachtete. Ich habe mich als es mir besser ging von ihr getrennt. Eine weitere Freundin schickte mir stets und ständig Fotos von den Orten die sie gerade bereiste. Ihre Freundin in einer anderen Stadt, Konzerte, ja Urlaub auf Malle. Während ich im Bett lag und sie bekundete mich nicht besuchen zu können, weil sie gerade kein Auto hat. Wohlbemerkt, wir wohnen beide in der selben Stadt. Ich warf es ihr vor. Ja, ich nahm es ihr übel dass sie den Weg zu mir nicht fand mit der Ausrede sie hätte kein Auto, aber offensichtlich die halbe Welt bereisen konnte. Sie schrieb mir dass sie einfach nicht mit meiner Erkrankung umgehen könnte, da ich doch immer die Starke war. Auch von ihr habe ich mich getrennt. Hier und da gab es Verbindungen die sich von selbst erledigten, da diese Personen es vorzogen nicht mehr auf meine Nachrichten zu antworten wenn ich ehrlichweise erzählte wie es mir ging und aus diesem Grund gerade keine Hilfe für anderer Menschen Probleme sein konnte. Ja, ich war die Aussätzige, die die man nicht sehen wollte, die man verstecken wollte. Die, deren Zustand bei anderen Angst oder Unverständnis hervorrief. Diejenige die man verbannen wollte als hätte sie eine tödlich ansteckende Krankheit. Der Schandfleck der Gesellschaft. Schon wieder.

Jetzt, mit Abstand, muss ich jedoch feststellen dass alles richtig war, so wie es war. Zu viele falsche Fünfziger hatten sich in meinem Leben getummelt. Ich habe außerdem eine Menge über mich gelernt. Wer war ich? Jemand der leichtfertig seine Hilfe anbot und dadurch an Menschen geriet die das nur allzu gern ausnutzten? Jemand der darüber seine eigenen Talente und die wichtigen Menschen vernachlässigte? Jemand der das tat um sich nicht um sich selber kümmern zu müssen? Ich danke meiner Erkrankung, denn durch sie hatte und habe ich die Möglichkeit Platz zu schaffen. Platz für Kreativität, für neue Träume. Platz für Selbstpflege und Platz für die Menschen die liebevoll an meiner Seite geblieben sind. Auch jetzt, wo es mir deutlich besser geht, mache ich kein Geheimnis um meine Krankheit. So kann ich schon deutlich mehr Spreu vom Weizen trennen, bevor ich meine wertvolle Lebenszeit mit weniger wertvollen Menschen verschwende.

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