Die Stimme

Seit fünf Wochen gehe ich wieder regelmäßig zum Chor. Singen fand ich schon immer befreiend, nur in der akuten Erkrankung konnte ich noch nicht einmal daran teilnehmen. Nun wird es von mal zu Mal besser. Die Stimme wird kräftiger, ich kann mich wieder besser bewegen und auch konzentrieren. Nur Auftritte und Soli habe ich für den Moment noch abgelehnt, da ich das als zu stressig in Erinnerung hatte. Nun stand am vergangenen Freitag ein Konzert vor der Tür. Recht spät am Abend. Eine Zeit zu der ich schon, vom Tag erschlagen, im Bett liege. Zur Generalprobe, welche im
Rahmen der normalen Chorprobe stattfand, war ich anwesend. Es hat Spaß gemacht und ich merkte wie ich mir die Option eventuell doch zum Konzert zu erscheinen, offen hielt. Nun war es Freitag und ich hatte so Lust darauf. Aber auch mächtige Angst davor. Was ist wenn mich meine Kräfte wieder verlassen und mein Kreislauf spinnt, so wie es bei meinem letzten Auftritt zu Weihnachten einen Monat bevor ich endgültig krank wurde, geschehen ist? Ich entschied mich dazu, mich zumindest erst einmal Auftrittsfein zu machen und zur Vorbereitung zu gehen. Die Freude der anderen Chormitglieder war deutlich, doch ich wies darauf hin dass ich das Konzert eventuell nicht ganz durchstehen würde. Kein Problem, ich solle mir einen Stuhl für den Notfall bereitstellen und jederzeit die Bühne verlassen wenn es gar nicht mehr gehen sollte. Mit dem Arrangement war ich einverstanden und so legten wir los. Bei den ersten Liedern bewegte ich mich vorsichtig, wollte mit meinen Kräften haushalten. Aber je mehr das Konzert voranschritt desto mehr Mut bekam ich, so dass ich am Ende genauso agil mitmachte wie alle anderen. Ein wenig wehmütig dachte ich an vorherige Konzerte und daran dass das Solosingen ja doch ganz schön war. Vielleicht würde ich es mir ja doch irgendwann wieder zutrauen. Zur Zugabe stimmte unser Chorleiter den Klassiker „Oh happy Day“ an. Ganz lange hatten wir die Strophen den Sopran singen lassen, später übernahm ich diese als Solo. Weil klar war, dass ich nicht singen würde, begann der Sopran. Jedoch hatte es kurz zuvor Veränderungen in dieser Stimme gegeben, so dass es nicht richtig klappte. Unser Chorleiter brach ab, zeigte auf mich und dann auf das Mikrofon neben ihm. Alle Augen waren auf mich gerichtet. In meinem Unterbewusstsein war nach wie vor abgespeichert dass die Show weitergehen muss, egal wie. So dachte ich nicht darüber nach, nahm mir das Mikrofon mit dem kurzen Hinweis dass wir so nicht gewettet hatten und legte los. Ungeübt, teils noch aus der Erinnerung, teils improvisiert. So gut es ging, und es ging überraschend gut, machte ich meine Show, animierte das Publikum zum mitmachen und genoss am Ende tosenden Beifall. Ich fühlte mich gut. Gesund. Als wäre nie etwas gewesen. Auch das von mir erwartete Tief am nächsten Tag blieb aus. Es ging mir gut. Keinerlei Schwäche oder andere körperliche Befindlichkeiten. Sogar das Schlafen klappte einigermaßen, trotzdem ich so aufgedreht war. Was war es was mich so aufgebaut hatte? Der Beifall? Ich dachte darüber nach. Ja, der Beifall und natürlich die Tatsache dass sich die anderen so über meine Anwesenheit freuten gaben mir das Gefühl in liebevoller Gesellschaft zu sein und gemocht zu werden. Eine ganz wichtige Erfahrung die zur Gesundung zuträglich ist, habe ich in der Vergangenheit doch so viel Ablehnung erleben müssen. Aber da war noch etwas. Meine Stimme. Durch das Mikrofon deutlich verstärkt. Da stand ich nun und hatte eine Stimme. Laut. Kraftvoll. Und man hörte mir zu. Ich hatte der Welt etwas zu sagen und sang es hinaus und wurde gehört. Diese paar Minuten gehörten mir. Ich konnte frei entscheiden wie ich meine Stimme zum Einsatz brachte und sie war lauter als alles andere und wurde gehört.

Wenn es eine so positive Wirkung hat gehört zu werden, was für eine negative Wirkung hat es nicht gehört zu werden? Mir wurde bewusst dass die Tatsache dass mir so oft nicht zugehört wurde, obwohl ich so viel zu sagen hatte, doch schwerer gewogen hatte als ich es annahm. Ich war zu leise. Zu nett. Bin zu schnell eingeknickt. Fühlte mich so oft klein und dachte dass die anderen Recht hätten. Was wäre gewesen wenn ich im übertragenen Sinne ein Mikrofon benutzt hätte? Ich hätte meine Ansichten und meine Meinung mit lauter, fester Stimme herausgerufen. So dass man mir hätte zuhören müssen. Vielleicht. Doch das tat ich nicht. Ich blieb stumm und dachte nach. Und ich begann zu glauben was mir andere über mich erzählten. Zuerst hörte ich es, dann sagte ich es leise in mich hinein. Was für ein schlechter Mensch ich wäre. Was für eine schlechte Ehefrau und Mutter ich war und bin. Was für eine schlechte Tochter, schlechte Kollegin, schlechte Freundin. Ich rief ich es laut in mich hinein und wurde gehört. Von mir.

Es ist erwiesen dass einem die eigene Stimme am vertrautesten ist. So dass wir am ehesten glauben was wir selber zu uns sagen. Wenn wir denken, hören wir unsere eigene Stimme und glauben ihr. Wenn wir also andere Menschen schlechte Dinge über uns sagen hören und sie wiederholen, dann glauben wir sie.

Mir wurde bewusst dass jeder eine Stimme hat. Nicht nur mein Ex-Mann, falsche Freunde, meine Chefin oder meine Eltern. Auch ich habe eine Stimme. Und sie wurde zur Waffe gegen mich selbst. Was ein anderer mit seiner Stimme macht, kann ich nicht beeinflussen. Dafür aber, was ich mit meiner Stimme daraus mache.

 

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