Hinnahme und Akzeptanz

Mein Arzt sagt immer dass der Verlauf einer Depression wellenförmig ist. Es geht bergauf, aber auch immer wieder ein Stück bergab. Und genauso ist es. Genug getrunken, gesund gegessen, ausreichend geschlafen. Und trotzdem trifft es mich bereits nach dem wach werden wie ein Schlag. Druck im Kopf, Kribbeln bis hin zur Taubheit in den Gliedmaßen, beeinträchtigtes Sehen, elendige Körperschwere. Dazu kommt eine emotionale Stimmung die mich an allem zweifeln lässt was ich mir in den vergangenen Monaten mühselig aufgebaut habe. Tröstend ist allerdings das Wissen darum, dass dieser Zustand nicht anhält und es lange nicht mehr so tief nach unten geht wie am Anfang. Meistens lässt es nach einigen Stunden bis Tagen wieder nach. Es hilft mir mich zu schminken und mir die Haare zu einer hübschen Frisur zusammen zu binden. Ich habe festgestellt dass es mich aufbaut in ein frisches, farbiges Gesicht zu schauen wenn ich an einem Spiegel vorbeikomme. Es überrascht mich dann jedes Mal dass das Elend das ich fühle nicht mit dem hübschen Gesicht übereinstimmt was ich sehe. Das gibt Pluspunkte in der Genesungsskala. Gestern hatte ich seit langem einen ganz schlimmen Tag. Mit den körperlichen Beschwerden habe ich fast täglich zu tun, aber emotionell hatte es deutlich nachgelassen. Von Minute zu Minute wurde es schlimmer und ich merkte das nichts half. Ich hätte aus dem Stand losheulen können. War es erklärbar? Klar, irgendeinen Grund findet man immer. Ich entschloss mich dazu meinen Zustand als gegeben hin zu nehmen und es zu akzeptieren. Es fällt mir leichter wenn ich von außen drauf schaue und die Symptome somit als Teil der Erkrankung wahr nehme, anstatt mich dem völlig hinzugeben. Ich kann es zwar nicht kontrollieren, habe aber damit das Gefühl der Krankheit auf die Schliche zu kommen. So nach dem Motto: „Ach guck, da seid ihr ja wieder, ihr Symptome. Schon klar, ich ruh mich aus und ihr lasst mich dafür morgen wieder in Ruhe. Check?“

Mein Freund ermunterte mich am Abend zum Chor zu gehen. Das hatte ich mir ja vorgenommen. Einen regelmäßigen Termin in der Woche einhalten. Und ich tat es. Wider meiner Empfindungen. Ich verließ beschwerlich das Haus und ging für zwei Stunden zum singen. Hat es mir geholfen? Nun ja, es hat es zumindest nicht verschlechtert. Häufig hatte ich auch schon die Erfahrung gemacht dass es mir hilft ein wenig mit dem Fahrrad zu fahren. Nach ungefähr einer halben Stunde weicht die Anspannung die meinen Körper und meinen Geist gefangen hält einer ausgeglichenen Zufriedenheit. Ich bin dann zwar für den Rest des Tages erschlagen, aber zumindest zufrieden dabei. Und tatsächlich geht es mir heute besser als gestern. Ich habe die Nacht gut geschlafen und sogar die lauten Baustellengeräusche von draußen stören mich nicht allzu stark. Genauso wenig wie ich mir Verschlechterungen erklären kann, kann ich mir Verbesserungen erklären. Manchmal muss man Dinge wohl einfach so hinnehmen und akzeptieren.

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