Umdenken

Gestern rief mich meine Chefin an. Das war abgesprochen und in Ordnung so. Ich arbeite seit 18 Jahren in einem Call Center. Anfangs war ich nur zur Beratung eingestellt, aber im Laufe der Jahre wandelte sich der Job immer mehr. Zahlen musste man schon immer schaffen. Gesprächszeiten, Pausen, Anzahl der Gespräche, Nachbearbeitungszeit. Mit der Zeit kam aber heimlich hier und da ein Wert dazu, so dass man heute mit so vielen Bällen jonglieren muss, dass einer mindestens hinunter fällt. Verkaufszahlen unterschiedlicher Verträge, Anzahl der verschickten Videos, straffere Gesprächszeiten usw. Zudem blieb natürlich meine Ursprungstätigkeit. Man kann eine Schraube nur bis zu einem bestimmten Punkt drehen, dann bricht sie. Oder kurz: Nach fest kommt ab. Auch die Gesundheitsquote ist eine aus Zahlen bestehende Instanz, genau wie jeder einzelne Mitarbeiter nur eine Zahl ist. Und wenn man krank wird, ist das schlecht für die Zahlen. Ergo wird Druck ausgeübt, zu Hause angerufen, mit SMSen bombardiert oder sogar scheinheilige Krankenbesuche durchgeführt wenn es mal länger dauert. Nicht selten kam es vor dass Vorgesetzte gemeinsam mit einem Blumenstrauß vor der Wohnung von Kollegen standen um auszuspitzeln ob diese denn wirklich krank sind, denn grundsätzlich wird einem erst einmal blau machen unterstellt. Alles in Allem hat die Arbeit einen ordentlichen Beitrag zu meinem Zustand geleistet. Oder war ich es? Nebenbei fand ich gestern ein paar alte Tagebucheinträge in denen ich beschrieb wie eine Kollegin Streit mit mir wegen einer Nichtigkeit anfing, ich mich jedoch zur Wehr setzte. Sie stellte daraufhin fest, dass es sie gewundert hatte dass ich mich wehren würde. Denn das täte ich ja sonst nie. Ich hatte diesen Streit schon völlig vergessen, mich aber gestern daran erinnert. Man kann jetzt von ihr halten was man will, aber sie hat recht. Ich habe mich nie gewehrt. Ich habe auch nie Konsequenzen walten lassen. Nein, ich bin 18 Jahre in dieser Haltung geblieben. Als wäre ich ein Baum. Hat die Firma Schuld an meinem Zustand? Sicher, wenn die Arbeit anders wäre, würde es mir besser gehen. Aber das ist sie nicht. Und was habe ich getan? Gelitten und darauf gewartet dass sich von allein etwas ändert.

Die reinste Form des Wahnsinn ist es, alles beim Alten zu lassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert…. Albert Einstein

Zu Beginn meiner Erkrankung habe ich meinen Zustand so oft verflucht. Ich war so gefangen in meinem Denkmuster. Es war mir in Fleisch und Blut übergegangen nicht krank werden zu dürfen und funktionieren zu müssen. Ich konnte mich und meine Schwäche nicht ertragen. Leichtigkeit und fröhlich sein hatte ich schon sehr lange vorher aufgegeben. Inzwischen sehe ich meinen Burnout als Chance. Ich denke, es musste sein. Ich brauchte einen Holzhammer, denn von allein habe ich es ja nicht verstanden. Ich habe die Chance zum umdenken, die Chance noch einmal neu zu beginnen. Zu Beginn machte es mir Angst, denn man kann sich an Altes auch einfach gewöhnen, auch wenn es schlecht ist. Inzwischen habe ich immer noch Angst, aber ich werde immer neugieriger und wage mich Schritt für Schritt vorwärts in ein neues Leben.

Als ich gestern mit meiner Chefin telefonierte hörte ich sie von Wiedereingliederung sprechen. Ich hörte auch wie sie darüber sprach dass ich noch mal komplett neu angelernt werden müsste, weil sich in der Zwischenzeit so viel verändert hätte. Ich hörte mich, wie ich das was sie sagte bestätigte, nickte hörbar mit dem Kopf. Gefühlt hatte ich jedoch etwas anderes. Es war weit weg. In meiner Vorstellung nicht greifbar dass ich das wieder würde arbeiten können und wollen. Dieser Teil des Lebens scheint abgeschlossen. Es gehörte einmal zu mir, aber die Person bin ich nicht mehr. Die, die nichts sagte, sich hat alles gefallen lassen. Die, die sich nicht selbst vertraute und dadurch anderen das Recht dazu gab über sie Urteile zu fällen. Die bin ich nicht mehr. Und die will ich auch nicht mehr sein. Ich habe etwas ganz wichtiges gefunden, was ich schon lange verloren hatte. Mich.

 

 

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